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Special Award on Critical Discourse

Und in der Mitte der Erde war Feuer

Bernhard Hetzenauer (Documentary)

The international jury has assessed this product to be the best in terms of educational media on European history and values.

Laudatio für Bernhard Hetzenauers Doku: Special Award Category Critical Assessment of History
Doc. Dr. Barbara Köpplova, Prag

Bernhard Hetzenauers Film „Und in der Mitte der Erde war Feuer“ ist weder angenehm noch attraktiv. Er ist authentisch, unkonventionell und ungewöhnlich. Ungewöhnlich schon deshalb, weil die Protagonistin des Films eine achtundneunzigjährige Dame ist, die niemandem mehr etwas beweisen muss, die weder sentimental noch pathetisch ist und die vor allem nicht besonders geneigt ist, sich den Vorhaben und Intentionen des Filmautors unterzuordnen. So gerät der generationsübergreifende Dialog nicht in Gefahr oberflächlich zu bleiben. Der ungeschönte Ablauf des Dialogs tut dafür auch seine Wirkung. Er entwickelt sich sprunghaft, mit Unterbrechungen, stellenweise reden die Dialogpartner aneinander vorbei, um sich dann wiederzufinden und einander erneut zu verlieren. Vera Kohn gibt weder Rat, noch liefert sie definitive oder autoritative Antworten. Sie weigert sich, in die Opferrolle zu schlüpfen, ist souverän in der Auswahl ihrer Erinnerungen und deren Bewertung. Mit ihr einen Film zu drehen, musste Schwerstarbeit sein. Schon allein deshalb verdient Bernhard Hetzenauer Anerkennung für seine Mühen.

Keine Ahnung, wie zufrieden Bernhard Hetzenauer mit der Bewältigung seines persönlichen Traumas aus der Familienvergangenheit war. Vera Kohn erteilt ihm weder Absolution noch spendet sie Trost. Die Vergangenheit lässt sich nicht auslöschen, man muss mit ihr leben und es liegt an jedem selbst, wie er damit fertig wird. Paradoxerweise hat auch Vera Kohn ihr Trauma: sie wird von Schuldgefühlen geplagt und hadert mit ihrem Schicksal, das es ihr ermöglichte, dem Los der Holocaustopfer zu entgehen. Im Jahre 1939 gelang es ihr im letzten Moment, aus der besetzten Tschechoslowakei zu fliehen, und zwar durch Bestechung deutscher Beamter. Zum Bahnhof wurde sie von ihrem Onkel begleitet, der nicht über die Mittel für eine solche Lösung verfügte, was ihn letztlich das Leben kostete. Das Bild ihres Verwandten, der allein am Bahnsteig steht und dem abfahrenden Zug hinterher schaut, bleibt für den Rest des Lebens in Vera Kohns Gedächtnis.

Ihr Zeugnis vom Schicksal der Emigrantinnen wird noch dadurch verstärkt, dass sie Schwerwiegendes vermeidet und Erinnerungen wählt, die fast an Banalität grenzen – die obsessive Idee, sich augenblicklich Sommerschuhe kaufen zu müssen, als sie erfährt, dass sie anstelle nach Kanada nach Ekuador fährt oder das Vergnügen an einer „Dusche“ beim ersten Tropenregen auf dem Schiff, das in Richtung Südamerika unterwegs ist. Der Dokumentarfilm liefert starken Anreiz zur Diskussion über Vergangenheit und Gegenwart und, letzendlich, über das Verhalten jedes einzelnen von uns.

Das persönliche und unter schwierigen Pruduktionsbedingungnen von Bernhard Hetzenauer aufgebrachte Engagement für diese im Grunde doch sehr europa-typische Thematik und für das Bemühen, das abstrakte Thema der Emigration mit einer individuellen und sehr authentischen Erzählung anschaulich und in seiner alltäglichen Tragweite fassbar gemacht zu haben, verdient eine besondere Würdigung. Die Erasmus EuroMedia – Jury zeichnet daher Bernhard Hetzenauers Film „Und in der Mitte der Erde war Feuer“ mit dem Spezialpreis in der Kategorie der nachhaltigen Aufarbeitung von Geschichte.

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